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6 atmosphärische Krimis, die ohne Serienkiller und Gemetzel auskommen

Was macht einen Krimi atmosphärisch? Für mich sind es interessante Figuren, stimmungsvolle Orte und eine Spannung, die sich schleichend aufbaut, statt durch Schockmomente und tausend fiese Cliffhanger erzeugt zu werden. Sechs Bücher, die genau das einlösen.

Meinen Blognamen habe ich schon mehrmals geändert, einmal nannte ich mich Querbeetleserin, weil ich tatsächlich querbeet durch alle denkbaren Genres lese. Und auch wenn in manchen Jahren ein gewisser Hang zu zeitgenössischer Literatur, Klassikern oder New Adult auffällig war: Ein Genre hat mich seit meiner Kindheit konstant begleitet – Krimis. Ohne sie kann ich mir mein Leseleben gar nicht vorstellen.

Und unter den Krimis gibt es eine bestimmte Sorte, die mich besonders fesselt. Während Thriller von Spannung, Nervenkitzel und fiesen Cliffhangern leben, sind Kriminalromane bedächtiger im Erzähltempo und sehr behutsam in der Figurenzeichnung. Meistens gibt es einen Detektiv oder eine Polizistin, die so glaubwürdig und vielschichtig angelegt sind, dass man sie nach dem Lesen persönlich zu kennen meint. Das heißt nicht, dass Kriminalromane, die ich persönlich atmosphärisch nenne, nicht spannend wären. Im Gegenteil. Aber die Spannung baut sich subtil auf, indem man die Figuren kennenlernt, ihre Geschichten einem nahegehen und man das Gefühl hat, neben ihnen zu stehen, mitzuleiden und mitzurätseln. Und das mit einer Auflösung, auf die man theoretisch selbst hätte kommen können, wenn man nur genau genug gelesen hätte.

Mittlerweile erkenne ich spätestens auf Seite 20, ob ein Krimi mich auf diese Weise packen wird. Wenn ich nach den ersten Kapiteln einen Sog spüre, wenn mich die Figuren und ihre Geschichte interessieren, auch wenn der Fall noch weit weg ist, dann weiß ich, dass ich angekommen bin. Und wenn er mich packt, fühlt man sich am Ende wie jemand, der wirklich dabei war.

Sechs solche Romane möchte ich euch heute vorstellen. Sie haben mich tief beeindruckt und geistern bis heute in meinem Kopf herum. Eigentlich sollte man meinen, ein Krimi habe seinen Zauber verloren, sobald man weiß, wer es war. Doch bei diesen Büchern ist es anders. Obwohl ich die Auflösungen längst kenne, würde ich sie alle ein zweites Mal lesen. Und genau das ist für mich das beste Indiz dafür, dass es eben nicht (nur) der Fall war, der mich gefesselt hat, sondern alles drumherum. Die Figuren, der Ort, die Stimmung.

Dann legen wir los, und zwar mit einem Buch, das für mich an eine Kindheitsliebe anknüpft.

Das Geheimnis des weißen Bandes – Anthony Horowitz

Cover von Das Geheimnis des weißen Bandes von Anthony Horowitz

Ich gestehe eine lebenslange Schwäche für Sherlock Holmes. Und zwar nicht in erster Linie für moderne Adaptionen, so unterhaltsam sie sind, sondern für den Original-Holmes, diesen präzisen, trockenen, leicht unerträglichen Verstand, und seinen Watson, der alles brav notiert. Irgendwann hatte ich alle Originalgeschichten gelesen, und was blieb, war eine Art Heimweh nach dieser unverwechselbaren Atmosphäre, in die mich Conan Doyle so oft hatte eintauchen lassen. Dem nebelverhangenen London, den ruhigen Abenden in der Baker Street, der gelassenen Erzählstimme Watsons.

Anthony Horowitz hat dieses Heimweh gestillt, indem er im „Das Geheimnis des weißen Bandes“ Conan Doyles Stil so präzise getroffen, dass man beim Lesen überhaupt nicht merkt, dass da jemand anderes am Werk ist. Sorgfältige Beobachtungen, ein Fall, der zunächst harmlos beginnt und sich Stück für Stück zu einer Verschwörung weitet, die bis in die höchsten Kreise reicht. Horowitz führt seine Leser durch verruchte Kneipen, Opiumhöhlen und düstere Gassen, in denen die berühmten Straßenkinder eine größere Rolle spielen als in den Originalgeschichten. Diese Mischung aus viktorianischer Düsternis und sozialem Realismus macht die besondere Atmosphäre dieses Buches aus. Es liest sich wie eine wiedergefundene Originalgeschichte und ist damit meine Herzensempfehlung für alle, die Sherlock Holmes lieben und nie genug davon bekommen können.

Der Sucher – Tana French

Cover von Der Sucher von Tana French

Die Irin Tana French gilt als eine der literarischsten Stimmen im zeitgenössischen Krimi, vor allem dank ihrer psychologisch tiefgründigen Reihe „Mordkommission Dublin“. „Der Sucher“ ist ein Ableger ihrer Reihe, und für mich war es das erste Buch, das ich von ihr gelesen habe. Mehr brauchte es nicht, um zu verstehen, warum sie diesen Ruf hat. French konzentriert sich hier ganz auf das, was sie offenbar am besten kann: Figuren und die Psychologie ihres Handelns.

Cal Cooper, ein pensionierter amerikanischer Polizist, zieht in ein kleines irisches Dorf, weit weg von allem, was ihn an sein früheres Leben erinnert. Er will Ruhe, nichts weiter. Und dann ist da dieser Junge, der ihn immer wieder aufsucht, weil sein Bruder verschwunden ist und sonst niemand zuhört.

Was Tana French in diesem Buch so beeindruckend gelingt, ist die Dichte der Beschreibung. Cal ist so sorgfältig gezeichnet, mit seiner Müdigkeit, seiner Vorsicht und seiner langsam wachsenden Bindung an das Dorf und seine Menschen, dass man das Gefühl hat, ihn zu kennen. Und genauso ergeht es einem mit dem Jungen, mit den Dorfbewohnern, mit der irischen Landschaft, die einen stillen, leicht bedrohlichen Charakter hat. Es passiert eigentlich nicht viel, und trotzdem erzeugt das Buch einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann und dem man sich auch gar nicht entziehen möchte.

Wenn Engel brennen – Tawni O’Dell

Cover von Wenn Engel brennen von Tawni O'Dell

Von Tawni O’Dell gibt es bisher leider nur dieses eine Buch auf Deutsch, dabei hat die amerikanische Autorin schon sieben Romane veröffentlicht.

Das Setting: eine vom Kohleabbau verwüstete Gegend in Pennsylvania, wo Geisterstädte vor sich hinrotten und glühende Erdspalten im Boden klaffen, weil das Feuer in den alten Minen seit Jahrzehnten nicht erlischt. In einer dieser Erdspalten wird die Leiche eines siebzehnjährigen Mädchens gefunden. Polizeichefin Dove Carnahan, die aus genau dieser Gegend stammt, kennt die Menschen hier besser als jeder andere und schleppt dabei ihre eigene Familiengeschichte mit, die sich mit dem aktuellen Fall auf eine Art verknüpft, die man beim Lesen nicht erwartet.

Was mich an diesem Buch so nachhaltig beeindruckt hat, war das Setting selbst, das fast wie eine eigene Figur funktioniert. Diese erschöpfte, apokalyptische Landschaft aus heruntergekommenen, vernachlässigten Ortschaften trägt die gesamte Atmosphäre des Buches, und genau das macht die subtile Spannung aus. Nicht Blut und Verfolgungsjagden, sondern das Gefühl, dass in diesem Ort schon immer etwas nicht gestimmt hat. Dove Carnahan ermittelt auf eine Art, die man selten liest. Klug, mit Selbstironie und einem Bewusstsein dafür, dass sie selbst Teil dieser Welt ist, die sie untersucht.

Überraschend stimmiger, atmosphärischer Krimi, der unter die Haut geht.

Sieben Jahre Nacht – Jeong Yu-jeong

Cover von Sieben Jahre Nacht von Jeong Yu-jeong

Die südkoreanische Autorin wird in ihrer Heimat als „Koreas Stephen King“ bezeichnet, was die Erwartung ein wenig in die falsche Richtung lenkt. Denn das hier ist kein Horror, sondern ein psychologisch ausgefeilter Thriller, der einen von der ersten bis zur letzten Seite nicht loslässt.

Was dieses Buch so ungewöhnlich macht: Man erfährt bereits im ersten Kapitel, wer wen getötet hat. Ein gescheiterter Ex-Baseballspieler, der als Sicherheitsmanager an einem Stausee arbeitet, ermordet in einer nebligen Nacht ein elfjähriges Mädchen und öffnet anschließend die Schleusen, sodass ein ganzes Dorf überflutet wird. Sein eigener elfjähriger Sohn überlebt und ist seither als „Sohn des Stauseemonsters“ gebrandmarkt. Sieben Jahre lang ist er mit seinem Ziehonkel auf der Flucht, immer in der Hoffnung, irgendwo unerkannt anzukommen, und immer wieder eingeholt von Zeitungsartikeln, die seine Identität enthüllen.

Schicht für Schicht legt Jeong Yu-jeong frei, was wirklich geschehen ist, und mit jeder Schicht verschiebt sich das Bild, sodass man irgendwann zu fragen beginnt, wie Menschen überhaupt in solche Situationen geraten. Das Buch dehnt den Krimi-Begriff bewusst: Es geht nicht um die Frage „Wer war es?“, sondern um die viel schwerere Frage „Warum?“. Psychologisch präzise, spannend bis zur letzten Seite und noch lange danach im Kopf.

Der Nebelmann – Donato Carrisi

Cover von Der Nebelmann von Donato Carrisi

Der Italiener Donato Carrisi, studierter Kriminologe und Verhaltensforscher, versteht Spannung als Handwerk, und „Der Nebelmann“ ist ein gutes Beispiel dafür, wie weit man damit kommt, wenn man es wirklich beherrscht.

Ein abgelegenes Alpendorf im Winter, ein verschwundenes sechzehnjähriges Mädchen und ein Sonderermittler namens Vogel, der in einer eisigen Nacht mit blutbeflecktem Hemd durch die nebelverhangenen Wälder irrt und einem Psychiater erzählt, was in den vergangenen Wochen geschehen ist. Dreißig Jahre zuvor waren im selben Dorf schon einmal Kinder verschwunden, und der „Nebelmann“ von damals, so die Angst der Bewohner, ist zurückgekehrt. Der Nebel selbst wird zum Mitspieler. Aber man weiß nie ganz, ob man Vogel bei seinem Bericht wirklich glauben kann.

Winterlich, düster, geheimnisvoll, mit Wendungen, die kommen, ohne aufgesetzt zu wirken, und einer Atmosphäre, die man beim Lesen fast körperlich spürt. Wer atmosphärische Krimis mit unzuverlässigen Erzählern und einer Prise italienischem Schauer liebt, sollte hier zugreifen.

Übrigens: Carrisi hat den Roman selbst verfilmt, mit Toni Servillo als Vogel und Jean Reno als Psychiater. Der Film wurde in Italien mit dem wichtigsten Filmpreis ausgezeichnet.

Der Ruf des Kuckucks – Robert Galbraith (J.K. Rowling)

Cover von Der Ruf des Kuckucks von Robert Galbraith

Diesen Krimi habe ich mir bewusst für den Schluss aufgehoben, weil er für mich das eigentliche Herzstück dieser Liste ist und weil ich nicht ganz sicher bin, ob ich in Worte fassen kann, was genau ihn so besonders macht.

Cormoran Strike ist Privatdetektiv in London, hat im Krieg ein Bein verloren, schläft im Büro und hat gerade seine Verlobte verloren. Seine neue Assistentin Robin kommt eher zufällig zu dem Job. Gemeinsam sollen sie den vermeintlichen Suizid eines Supermodels aufklären, der nach Mord aussieht, und dafür durchqueren sie verschiedenste Londoner Milieus und treffen Menschen, die man nicht so schnell vergisst.

Was diese Reihe auszeichnet, ist das Duo. Nicht nur die Fälle, sondern die Dialoge, die Entwicklung der beiden Figuren über die Bände hinweg und die Art, wie die Fälle aufgebaut sind, mit einer Logik, die man theoretisch selbst entschlüsseln könnte, wenn man nur aufmerksam genug liest. Der Krimi lebt mehr von den Figuren und dem Zwischenmenschlichen als von der reinen Auflösung, aber wenn die Auflösung kommt, hält sie, was der Rest des Buches versprochen hat. Bisher habe ich drei Bände gelesen und scheue mich fast, sie alle nacheinander zu verschlingen, um mir die Freude noch ein wenig länger zu erhalten. Absolut großartig. Robert Galbraith ist bekanntlich das Pseudonym von J.K. Rowling, und man merkt einfach, was für eine begnadete Erzählerin sie doch ist. Eine grandiose Reihe und mein absoluter Liebling.


Sechs Bücher, fünf Länder, sehr unterschiedliche Stimmen und doch etwas, das sie für mich verbindet: das Versprechen, dass ein Krimi mehr sein kann als die Frage, wer es war, und mehr als das atemlose Jagen von einem Schockmoment zum nächsten. In diesen Büchern werden Orte zu Mitspielern, die Psychologie der Figuren bekommt Raum und gerade die Realitätsnähe macht sie so eindringlich. Die echte Welt ist eben oft gruseliger als jede Erfindung.


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