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Rückblicke

Lesemonat März 2026

6 Bücher und nahezu alle schwere Kost. Ob sich das Wetter im März auch in meinem Lesemonat widerspiegelte?

Der März war in diesem Jahr grau, kalt und ziemlich hartnäckig, als hätte der Winter beschlossen, noch eine Ehrenrunde zu drehen. Passend dazu hat sich auch mein Lesemonat angefühlt: Angefangen mit „22 Bahnen“ von Caroline Wahl, das trotz des großen Hypes eine echte Enttäuschung war. Nur die kurzen 220 Seiten haben mich davor bewahrt, es abzubrechen. Danach wurde es besser, aber nicht unbedingt leichter: Dostojewskij, Orwell, Ferrante – alles Bücher, die nicht gerade für Leichtigkeit stehen. Einzig Judith Luig mit ihrem Buch über den ganz normalen Urlaubswahnsinn hat zwischendurch für etwas Auflockerung gesorgt.

1. „22 Bahnen“ – Caroline Wahl

Worum geht’s? 

Tilda studiert Mathe, jobbt an der Supermarktkasse und zieht nebenbei ihre kleine Schwester groß, weil ihre alkoholkranke Mutter nicht in der Lage ist, sich um ihre Kinder zu kümmern. Ihre einzige Auszeit: 22 Bahnen im Schwimmbad. Als sie Viktor kennenlernt, muss sie sich irgendwann der Frage stellen, ob sie sich jemals aus dieser Verantwortung wird lösen können.

Meine Meinung

Das Buch wurde von allen Seiten gelobt, sodass ich mit entsprechend hohen Erwartungen reingegangen bin. Leider konnte ich die Begeisterung nicht teilen. Die Themen sind eigentlich nicht ohne – Sucht, Überforderung, verlorene Jugend, aber das Buch geht an keiner Stelle in die Tiefe. Die Figuren bleiben blass, die schweren Themen werden so leichtfüßig abgehandelt, dass nichts davon wirklich unter die Haut geht. Am Ende hatte ich 220 Seiten schnell weggelesen und hatte das Gefühl, nichts mitgenommen zu haben.

Zur vollständigen Rezension: hier

2. „Du wolltest doch auf den Ponyhof“ – Judith Luig

Worum geht’s? 

Judith Luig beschreibt ihre Abenteuer als Familie auf der Suche nach dem perfekten Urlaub. Die große Frage: Sind die drei Es – Erholung, Entspannung und Entlastung – mit Kleinkindern im Gepäck überhaupt möglich?

Meine Meinung

Ein super unterhaltsames Buch, bei dem ich an einigen Stellen Tränen gelacht habe! Judith Luig fängt den ganz normalen Urlaubswahnsinn so treffend ein, dass ich mir gewünscht hätte, unsere eigenen Familienabenteuer genauso amüsant aufschreiben zu können. Es macht einfach Spaß, sich in ihren Geschichten wiederzufinden, denn wie wir alle wissen: Im Rückblick ist das Chaos ohnehin doppelt so lustig.

3. „Idiot“ – Fjodor Dostojewskij

Worum geht’s? 

Der junge Fürst Myschkin kehrt nach einem langen Aufenthalt in einer Schweizer Heilanstalt nach St. Petersburg zurück und gerät wider Willen in einen Strudel aus Intrigen, Liebschaften und Machtspielen der Petersburger Gesellschaft.

Meine Meinung

Dieser Klassiker, den ich in meiner Muttersprache Russisch gelesen habe, war die intellektuelle Herausforderung dieses Monats schlechthin. Nicht nur will Dostojewskij mit einer Unmenge an Figuren gefühlt die gesamte Petersburger Gesellschaft abbilden, sondern auch bei den Intrigen bleibt er nicht bescheiden. Mir schwirrte oft der Kopf: Wer hat wem was gesagt, wann nochmal und warum überhaupt? Ich hatte oft Fragezeichen und musste mich anstrengen, um alle Fäden zusammenzuhalten.

Um all die Machenschaften und ihre Tragweite wirklich nachvollziehen zu können, habe ich mir nicht nur einmal einen historischen Kommentar an die Seite gewünscht. Aus heutiger Sicht würden viele Worte und Taten in diesem Roman höchstens ein Schulterzucken auslösen, bei empfindlicheren Gemütern vielleicht eine schroffe Antwort. Damals hingegen kam so etwas einer Duellforderung gleich. Und so war die Recherche zu den Hintergründen des Romans und den damaligen Konventionen am Ende fast genauso spannend wie der Roman selbst.

Die Intrigen leben natürlich von den Charakteren und diese sind bei Dostojewskij wirklich herausragend ausgearbeitet. Das Schicksal des Fürsten Myschkin ging mir sehr nahe und hat mich oft über die Frage nachdenken lassen, ob ein guter, grundehrlicher und argloser Mensch eine realistische Chance in unserer Gesellschaft hätte. Wie oft habe ich ihn in den Arm nehmen und sagen wollen: „Lauf, Myschkin, lauf! Pfeif auf die Provokationen und das ganze vorgeheuchelte Drama um dich herum und verschwinde von dort!“ Doch das hat er natürlich nicht getan und sich stattdessen in diesen Giftschlangenstrudel immer tiefer hineinziehen lassen.

Doch genau das macht den Reiz des Romans aus: Diese tragische Diskrepanz zwischen seiner „reinen Seele“ und einer Welt, die für so viel Aufrichtigkeit keinen Platz hat. Ein vielschichtiges, tiefgründiges und lesenswertes Meisterwerk!

4. „Die Kinder sind Könige“ – Delphine de Vigan

Worum geht’s? 

Nach einem Social-Media-Post ihrer Mutter, einer erfolgreichen Lifestyle-YouTuberin, verschwindet ein sechsjähriges Mädchen beim Versteckspiel. Eine Polizistin nimmt die Ermittlungen auf. Dabei rückt die Frage in den Vordergrund: Was macht es mit Kindern, wenn ihr gesamtes Leben gefilmt, gepostet und vermarktet wird?

Meine Meinung

Der erste Teil las sich wie ein packender Krimi, obwohl das Buch eigentlich als Roman eingeordnet ist. Gewalt und Entführungen, die Kinder betreffen, sind als Lesestoff nicht leicht auszuhalten. Dass ich trotzdem nicht aufhören konnte zu lesen, liegt vor allem am nüchternen, fast reportageartigen Stil sowie den eingeschobenen Vernehmungsprotokollen und Untersuchungsdokumenten. Gerade weil so wenig Emotion drinsteckt, wirkt die Geschichte umso heftiger. Besonders der Wahnsinn der Mutter, die ihre Kinder für Klicks instrumentalisiert und sich dabei selbst als fürsorgliche Glucke verkauft, geht unter die Haut.

Zur vollständigen Rezension: hier


5. „1984“ – George Orwell

Worum geht’s?

Winston lebt in einem Staat, der alles kontrolliert – Gedanken, Sprache, Erinnerungen. Wer aus der Reihe tanzt, verschwindet. Als Winston beginnt, das System zu hinterfragen, wird er selbst zur Zielscheibe.

Meine Meinung:
Ein Klassiker, an dem man kaum vorbeikommt und den ich endlich nachgeholt habe. Die Welt, die Orwell erschafft, ist beklemmend durchdacht: Sprachkontrolle, Gedankenpolizei, Kinder, die ihre eigenen Eltern verraten, um dem System zu gefallen. Besonders beeindruckt hat mich, wie Orwell nicht nur seine Figuren manipuliert, sondern auch den Leser: Man tappt in eine Falle, ohne es zu merken.

Trotzdem hat mich das Buch nicht vollends gepackt. Der dystopische Aspekt war mir zu extrem – zu allwissend, zu totalitär, zu lückenlos. Paradoxerweise hat mich gerade diese Überspitzung weniger erschreckt, weil sie nicht realistisch wirkte. Ein echter Überwachungsstaat würde wohl subtiler daherkommen, leiser, alltäglicher und genau das wäre gruseliger gewesen. Auch emotional bin ich nicht richtig reingekommen: Selbst in den härtesten Momenten konnte ich nicht wirklich mit den Figuren mitleiden.

Trotz dieser Distanz zu den Figuren bleibt es ein wichtiges Werk, das vor allem die spannende Frage aufwirft: Wie kann Rebellion überhaupt entstehen, wenn man gar keinen Vergleich mehr zu einer freien Welt hat? Und kann sie in einem totalitären Staat überhaupt bestehen?


6. „Die Geschichte des verlorenen Kindes“ – Elena Ferrante

Worum geht’s? 

Dies ist der letzte Band der Neapolitanischen Saga. Damit endet die Geschichte um Elena und Lila, zwei Frauen, die man über vier Bände hinweg begleitet: von ihrer gemeinsamen Kindheit im Neapel der Nachkriegszeit bis weit in ihr Leben hinein.

Meine Meinung: 

Ein grandioser Abschluss dieser atmosphärischen Reihe! Elena Ferrante zeichnet ihre Figuren so authentisch, dass sie beinahe real wirken. Neapel ist greifbar, und die Dynamik zwischen den beiden Freundinnen erst recht – eine Verbindung, die alles andere als einfach ist: geprägt von Rivalität, dem Kampf um Selbstbestimmung und dem tiefen Wunsch, der Armut zu entkommen.

Das Buch hat 600 Seiten und kommt, wie für die Reihe typisch, fast ohne reißerische Wendungen aus. Trotzdem habe ich es weggelesen, weil ich einfach wissen wollte, wie es den beiden ergeht und ob sie sich in dieser Welt voller Zwänge und Gewalt behaupten können.

Elena, Lila und auch die grandios gezeichneten Nebenfiguren werden mir noch lange im Kopf bleiben. Wer eine atmosphärische, psychologisch tiefgründige Geschichte über eine komplizierte Frauenfreundschaft sucht: große Empfehlung.


Fazit

Sechs Bücher und ziemlich viel Stoff zum Nachdenken – so lässt sich mein Lesemonat März 2026 zusammenfassen. Es war ein ungewöhnlich schwerer Lesemonat, aber im besten Sinne. Dostojewskij hat mein Gehirn ordentlich gefordert, Orwell mich nachdenklich gemacht und Delphine de Vigan mit ihrem Roman-der-fast-ein-Krimi-ist überrascht. Dass Judith Luig mit ihrem Urlaubschaos dazwischen für gute Laune gesorgt hat, war die Rettung, sonst hätte ich den März wohl mit einem literarischen Burnout beendet.

Mein Highlight war aber eindeutig „Die Geschichte des verlorenen Kindes“ von Elena Ferrante. Ein grandioser Abschluss einer Reihe, die mich über vier Bände hinweg nicht losgelassen hat. Elena, Lila und das raue Neapel werde ich so schnell nicht vergessen.

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