Mit großen Erwartungen aufgeschlagen, mit großer Ratlosigkeit zugeklappt – so lässt sich mein Leseerlebnis mit 22 Bahnen am ehesten zusammenfassen.
Wochenlang stand der Debütroman von Caroline Wahl in den Bestsellerlisten, und nicht irgendwer hat ihn gelobt: Elke Heidenreich schwärmte, Benedict Wells zeigte sich begeistert, und sogar Denis Scheck, der bekanntlich kein Blatt vor den Mund nimmt, wenn er ein Buch für misslungen hält, bewunderte die Leichtigkeit, mit der Wahl ihrem schweren Thema begegnet:
Neugierig gemacht von all diesen Stimmen, griff ich zu und fragte mich nach rund 220 Seiten, ob wir wirklich alle dasselbe Buch gelesen hatten.

Eine Protagonistin, der man alles zugemutet hat
Das Schicksal der Protagonistin Tilda ist alles andere als leicht. Neben ihrem Mathematikstudium und der Arbeit an der Supermarktkasse übernimmt sie die Verantwortung für ihre zehnjährige Schwester Ida, weil ihre Mutter stark alkoholabhängig ist und diese Aufgabe schlicht nicht erfüllen kann. Tilda bringt Ida in die Schule, holt sie ab, organisiert die Ferienbetreuung, kauft ein und kocht. Ein typisches Studentinnenleben – Freunde, Partys, Spontanität – liegt für sie in weiter Ferne. Ihre 22 Bahnen im Schwimmbad sind das Einzige, das ihr wirklich gehört.
In diesen durchgetakteten Alltag tritt plötzlich Viktor, ein geheimnisvoller junger Mann aus Tildas Schulzeit, mit dem sie eine tragische gemeinsame Geschichte verbindet. Und dann wäre da noch Tildas Freundin, die als lebhaftes Gegenbild fungiert: reich, unbeschwert, weltoffen – und trotzdem unglücklich.
Alkoholkranke Mutter, Verantwortung für die kleine Schwester, Zukunftspläne, Freundschaften, eine Liebesgeschichte. Es wäre genug Drama für mehrere Bücher. Caroline Wahl verbindet all das auf knapp 220 Seiten – locker, kurzweilig, leicht. Dazu noch einen Schreibstil, der mit aller Kraft modern wirken möchte. Denglisch, Schimpfwörter als Stilmittel, eine unkonventionelle Dialogform – das alles ist mutig und neu, und ich zolle der Autorin dafür durchaus Respekt für die Experimentierfreudigkeit. Aber für mich hat es nicht funktioniert. Das Ergebnis ist eine Stimme, die jugendlich klingen will und sich dabei verkünstelt.
Konturen statt Charaktere
Doch der Schreibstil ist nicht mal das Entscheidende an diesem Roman. Was mich wirklich gestört hat: Die Figuren bleiben Konturen, undefinierbare Schatten, die mich trotz der schweren Thematik kalt gelassen haben. Tildas Freundin kommt über ihre Funktion als Gegenentwurf nie hinaus. Viktor taucht auf, ohne dass wir ihn wirklich kennenlernen. Und die Mutter – eine Figur, die im Zentrum des ganzen Dramas steht – schläft buchstäblich durch den Roman. Wir erfahren kaum etwas über sie, über ihre Geschichte, über das Warum. Tilda begegnet ihr mit Verachtung, und das bleibt so. Keine Entwicklung, keine Tiefe, keine spürbare Beziehung.
Besonders unglaubwürdig fand ich Tildas völlig entspannte Haltung gegenüber Alkohol und Drogen. Dass jemand, der täglich die Folgen von Sucht hautnah erlebt, keinerlei inneren Konflikt dabei empfindet, selbst zu konsumieren – das hat mich aus der Geschichte herausgerissen. Nicht weil es unmöglich wäre, sondern weil das Buch diese Entscheidung mit keinem einzigen Gedanken rechtfertigt.
Fazit: Leichtigkeit als Schwäche
22 Bahnen liest sich schnell, kurzweilig und gefällig – und genau das ist für mich sein größtes Manko. Ein Buch über Sucht, Überforderung und verlorene Jugend darf ruhig wehtun. Dieses hier tut es nicht. Für alle, die einen unkomplizierten, modernen Roman suchen, könnte es trotzdem genau das Richtige sein. Ich persönlich hätte mir mehr gewünscht – mehr Mut zur Tiefe, mehr Konsequenz in den Figuren und letzen Endes mehr Vertrauen in die Schwere des Themas.
2 Antworten auf „[Rezension] „22 Bahnen“ von Caroline Wahl – wenn der Hype mehr verspricht als das Buch hält“
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