Als Nadine von Eulenmärchen auf Instagram von ihrer aktuellen Lektüre erzählte und ich die Schlagworte las – Kinder, soziale Netzwerke, eine Mutter, die ihre Familie für eine Reality-Show vermarktet – war ich sofort angefixt. Das Thema trifft einen Nerv: Wie ausgeliefert Kinder den Erwachsenen sind, und wie kopflos manche Eltern ihre eigenen Kinder zur Zielscheibe im Internet machen. Das 2022 auf Deutsch erschienene Buch der französischen Autorin hatte ich somit schnell angefangen zu lesen.
Ein Krimi, den mir niemand versprochen hatte
Die Handlung: Ein sechsjähriges Mädchen verschwindet beim Versteckspiel – kurz nachdem seine Mutter Mélanie, eine erfolgreiche Lifestyle-Youtuberin, gepostet hat, dass ihre Kinder gerade draußen spielen. Die Polizistin Clara übernimmt die Ermittlungen – eine etwas pedantische, kühle Beamtin, die den Fall akribisch von allen Seiten durchleuchtet. Abwechselnd erfährt man aus Claras und Mélanies Perspektive, was für eine Kindheit die beiden hatten und was in der Gegenwart passiert – und genau dieser erste Teil liest sich wie ein Krimi. Ich wollte nicht aufhören zu lesen.
Dabei habe ich mich ehrlich gesagt mehr als einmal gefragt, ob ich mir das zumuten kann: Meine Tochter ist ebenfalls sechs, und Krimis, in denen es um Gewalt an Kindern geht, meide ich in der Regel. Aber erstaunlicherweise hielt sich die Dramatik in Grenzen – und das liegt, glaube ich, am Schreibstil der Autorin.
Berichterstattung statt Emotion – und das ist gut so
De Vigans Stil ist nüchtern, fast berichterstattungsartig: wenige Dialoge, wenig explizite Emotion. Paradoxerweise macht genau das die Geschichte einprägsamer. Den Grad des Wahnsinns, den Mélanie treibt, hätte man sonst kaum ertragen: Sie überlegt sich 24-Stunden-in-einem-Karton-Challenges, Fastfood-Marathons vor der Kamera, Einkaufs-Challenges mit vorgegebenem Anfangsbuchstaben. Alles wird gefilmt, alles wird gesendet. Dabei manipuliert sie ihre Kinder, redet ihnen ein, wie toll es sei, so jung schon berühmt zu sein – während der Sohn in der Schule gemobbt wird und sie es nicht wahrhaben will. Stattdessen dreht und kippt sie die Realität für sich selbst: Sie nennt sich „Gluckenmutter“ (Außenstehende würden sagen: Kontrollfreak) und die Kindheit ihrer Kinder „behütet“ (ich würde sagen: Gefängniszelle mit Kamera).
Wenn der zweite Teil den ersten nicht ganz einholen kann
Im zweiten Teil – zehn Jahre nach der Entführung – fällt die Spannung spürbar ab. Wir erfahren viel über die psychologischen Nachwirkungen des Aufwachsens vor der Kamera, was durchaus interessant ist. Aber ich gebe zu: Ich hätte mir mehr den Krimi vom ersten Teil gewünscht, den mir eigentlich nie jemand versprochen worden war (auf dem Cover wird das Buch als Roman eingeordnet). Das Zurücklassen dieser Spannung war wie als hätte jemand bei einer rasanten Achterbahnfahrt, kurz vorm Ziel das Tempo gedrosselt und „gezwungen“ gemütlich dem Ende entgegenzutuckern und die Landschaft außenrum genießen kann. Ist zwar schön, aber kann man was dafür, dass die erste Hälfte so viel Adrenalin Ausschüttung beiträgt und man nur noch mehr davon will?
Ein Wort zur Übersetzung
Etwas, das mich durch das gesamte Buch irritiert hat war die Inkoherenz in der deutsche Übersetzung. Einerseits werden französische Begriffe wie flic oder bastion einfach stehengelassen – wer benutzt das Wort flic für Polizistin im Deutschen? Andererseits wird Cousine zu Kusine eingedeutscht, was an sich nicht falsch ist, aber ziemlich altbacken und fremd wirkt, und ein abgenutztes Stofftier heißt plötzlich „verschlissen“ statt, sagen wir, zerschmust. Eine einheitliche Strategie ist schwer zu erkennen. Und ganz grundsätzlich und nicht nur bei diesem Buch kann ich überhaupt nicht verstehen, warum fremdsprachige Sätze so mitten im Text stehen gelassen werden, ohne eine Übersetzung in der Fußnote oder einen Hinweis für den Leser, der der Zielsprache nicht mächtig ist. Auf den zusätzlichen Griff zum Handy beim Lesen würde ich gern verzichten.
Fazit
Alles in allem ist „Kinder sind Könige“ ein unerwartet spannendes und eindrückliches Porträt einer fiktiven YouTube-Mum und der harten Folgen für ihre Kinder. Es ist erschreckend, auf welche Ideen Eltern kommen, um eigene unerfüllte Träume zu kompensieren – und wie die Kinder darunter leiden. Der erste Teil ist großes Lesevergnügen, der zweite lohnend, aber ruhiger. Wer sich für das Thema Kinder im Netz interessiert, findet hier einen Roman, der unterhält und gleichzeitig beunruhigt – auf die beste Art.
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