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Als im Herbst 2024 die Berichte über den Prozess von Gisèle Pelicot durch die Zeitungen gingen, traute ich meinen Augen nicht. Eine Frau wird von ihrem eigenen Ehemann fast zehn Jahre lang betäubt und sexuell missbraucht. Was die Vorstellungskraft gänzlich sprengt: Über fünfzig fremde Männer hatte er in dieser Zeit zu sich nach Hause eingeladen, damit auch sie sich an seiner bewusstlosen Frau vergreifen konnten, während er alles filmte. Wie kann so etwas unbemerkt passieren? Wie kann ein Mensch eine solche Perversion fast fünfzig Jahre Ehe lang vor seiner eigenen Familie verbergen, vor drei gemeinsamen Kindern, vor den Enkeln, vor den Nachbarn?
Aufgedeckt wurde die Sache übrigens eher zufällig. Dominique Pelicot wurde dabei erwischt, wie er in einem Supermarkt einer Frau unter den Rock gefilmt hatte. Eine Untersuchung führte zur nächsten, sein Computer wurde beschlagnahmt und was die Ermittler dort an Videomaterial fanden, übersteigt die Vorstellungskraft. Ich frage mich bis heute, wie es den Beamten dabei ergangen sein muss, sich stundenlang dieses Material anzusehen – höchstwahrscheinlich sogar mehrfach.
Als ich erfahren habe, dass ein Buch von Gisèle Pelicot rauskommt, war für mich klar, dass ich es lesen möchte. Nach all dem, was ich über den Fall gelesen hatte, wollte ich endlich ihre eigene Stimme hören.
Worum geht’s? – Eine Kindheit, eine Ehe, ein Verbrechen
In „Eine Hymne an das Leben*“ erzählt Gisèle Pelicot ihre Lebensgeschichte, die ein abruptes „Davor“ und „Danach“ kennt. Sie beginnt mit ihrer Kindheit: Mit acht Jahren verliert sie ihre geliebte Mutter an einen Hirntumor – ein Verlust, der sie ihr Leben lang begleitet. Ihr Vater, ein Soldat, ist oft abwesend, aber warmherzig und liebevoll. Seine neue Frau, die in das Haus einzieht, bleibt ihr fremd, abweisend, kalt. Trost findet die kleine Gisèle vor allem bei ihrer Großmutter.
Als junge Frau lernt sie Dominique kennen, heiratet ihn und bekommt mit ihm drei Kinder. Eine Ehe, fast fünfzig Jahre lang. Eine Ehe, von der sie bis heute sagt, dass sie sie glücklich gemacht hat. Und genau hier liegt das Verstörende dieses Buches: Während sie das Familienleben mit ihrem Mann, den Urlauben, den Enkelkindern beschreibt, weiß man als Leserin längst, was sich parallel dazu zugetragen hat.
Naivität oder Vertrauen? Die übersehenen Zeichen
Man stellt sich beim Lesen unweigerlich die Frage, die auch Gisèle Pelicot sich selbst stellen muss: Gab es Anzeichen? Hätte man etwas merken können?
Sie nimmt uns in ihrem Buch ehrlich mit auf diese Spurensuche und benennt einige Momente, die im Rückblick vielleicht ein zweites Gesicht ihres Mannes hätten erahnen lassen können. Doch wie unspezifische Symptome, die auf alles und nichts hindeuten, lassen sie sich auch im Rückblick nicht einordnen.
War sie also naiv? Hat sie verdrängt? Wollte sie es nicht sehen? Genau diese Fragen wurden ihr auch im Prozess gestellt, und sie beantwortet sie nicht mit Ausflüchten. Immer wieder versucht sie in ihrem Buch zu erklären, dass ihre Ehe sehr viele gute Seiten hatte, dass sie glücklich waren, dass sie sich nicht als Opfer sehen will und keinen Groll gegen ihren Mann hegt. Sie hat Fragen an ihn, das ja, sie möchte ihn zur Rede stellen, aber sie empfindet keinen Hass gegen ihn. Ein vom Gericht bestellter Gutachter bescheinigt ihr nach einem einzigen Gespräch, sie sei „die willenlose Sklavin ihres Mannes“ gewesen. Darauf reagiert Gisèle Pelicot aufgebracht:
Was wusste dieser Gutachter schon von mir, von uns, von unserer Liebe? Nicht das Geringste! Nie war ich eine Sklavin gewesen. Und mein Mann nicht immer ein Peiniger. Ich hatte keinen Peiniger geheiratet. […] Ich war auch glücklich gewesen, ganz bestimmt. Ich war nicht nur ein Opfer.
Sie verdrängt nicht. Sie versucht lediglich die Kontrolle zurückzuerlangen. Die Kontrolle über ihre Biographie, ihre Ehe, über ihre Familie. Sie weigert sich, ihr Leben als eine Farce zu betrachten. Als etwas, wofür sie sich nun schämen muss. Was Außenstehende heute schnell als Naivität abtun, war im Grunde Vertrauen. Vertrauen in den Menschen, mit dem sie ihr halbes Leben geteilt hatte. Kleine Befremdlichkeiten in einer langen Ehe als Warnzeichen zu deuten, ist im Nachhinein einfach und im Vorhinein fast unmöglich.
Wenn Tochter und Mutter sich nicht mehr verstehen
So sehr Gisèle Pelicot ihren Frieden mit der Vergangenheit zu machen versucht, so wenig gelingt ihr das mit allen Mitgliedern ihrer Familie. Besonders schmerzhaft ist der Bruch mit ihrer Tochter Caroline Darian, die ihrerseits ein Buch über den Fall geschrieben hat. Darin schildert sie ihre Sicht auf die Enthüllungen über den eigenen Vater und macht aus ihrer Enttäuschung keinen Hehl, auch nicht ihrer Mutter gegenüber.
Caroline ist überzeugt, dass auch sie zum Opfer ihres Vaters geworden ist. Auf seinem Computer fanden sich Fotos, die sie schlafend zeigen. Videos, wie im Fall ihrer Mutter, gibt es nicht. Doch das Fehlen eindeutiger Beweise bedeutet für Caroline nicht, dass nichts passiert ist. Für sie ist die Sache klar.
Ihre Mutter sieht das anders. Solange keine stichhaltigen Beweise vorliegen, sagt Gisèle, kann und will sie nicht glauben, dass ihr Mann auch ihrer Tochter angetan hat, was er ihr selbst angetan hat. Hier prallen zwei berechtigte Haltungen aufeinander: Auf der einen Seite die Tochter, die nach allem, was geschehen ist, ihrem Vater jede weitere Grausamkeit zutraut. Auf der anderen Seite die Mutter, die nicht über das hinausgehen will, was tatsächlich belegt ist. Wer den richtigen Weg geht, lässt sich von außen kaum beurteilen. Vielleicht ist es auch keine Frage des Richtigen, sondern eine Frage davon, wie unterschiedlich Menschen mit dem Unerträglichen umgehen.
Der Prozess – eine Entscheidung, die alles verändert hat
Ursprünglich hätte der Prozess in Avignon unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden können. Gisèle Pelicot hat sich, wie sie in ihrem Buch beschreibt, dagegen entschieden – und ausführlich erklärt, warum. Sie wollte, dass die Welt sieht, was geschehen ist. Im Rückblick, so schreibt sie, war es die richtige Entscheidung.
Was sie und ihre Familie während dieser viermonatigen Verhandlung durchstehen mussten, kann man sich kaum vorstellen. 51 Angeklagte saßen vor ihr im Saal. Immer wieder mussten die Videos gezeigt, die Schilderungen vorgetragen, die Details ausgesprochen werden. Und das Aushalten beschränkte sich nicht auf die schiere Konfrontation mit dem Material: Viele der Angeklagten leugneten ihre Taten, schoben die Verantwortung von sich oder behaupteten gar, sie habe mitgemacht, obwohl die Videos eindeutig waren. Wie viel Selbstbeherrschung das gekostet haben muss, sich diesem Theater Tag für Tag zu stellen, lässt sich nur erahnen.
Am Ende wurden alle 51 Angeklagten schuldig gesprochen. Dominique Pelicot bekam die Höchststrafe von zwanzig Jahren Haft. Einer der Verurteilten ging in Berufung – und musste im Oktober 2025 vor dem Berufungsgericht in Nîmes erleben, dass er sogar zu einer höheren Strafe verurteilt wurde als im ersten Verfahren. Gisèle Pelicot war auf eigenen Wunsch auch bei diesem Termin im Saal. Die Gerechtigkeit, so darf man sagen, hat ihren Weg gefunden.
Wie hält man so etwas aus? – Eine Frau und ihre unerschütterliche Lebenskraft
Was dieses Buch über die Beschreibung des Falls hinaushebt, ist die Frau, die hinter all dem steht. Gisèle Pelicot erzählt nicht nur, was ihr geschehen ist, sondern auch, woraus sie die Kraft schöpft, all das zu überstehen. Es ist eine paradoxe Erkenntnis: Jene Lebenshaltung, die ihr das jahrzehntelange Unsichtbare verbarg, hilft ihr heute beim Verarbeiten des Traumas. Ihre tiefe Zugewandtheit zum Leben, ihr Vertrauen in die Menschen, ihre Heiterkeit – all das, was sie unbemerkt an ihrem Mann geblieben ist, was sich neben ihr abspielte, ist gleichzeitig das, was sie jetzt trägt.
Beim Lesen musste ich oft an Viktor Frankl denken, an sein Buch „…trotzdem Ja zum Leben sagen“, das ich schon lange auf meiner Leseliste habe. Frankl, ein Psychiater, der mehrere Konzentrationslager überlebt hatte, hat in seinem Buch analysiert, warum manche Menschen die unmenschlichsten Erfahrungen überleben und ihren Lebensmut nicht verlieren, während andere daran zerbrechen. Ich glaube nicht, dass es dafür ein Geheimrezept gibt. Aber es muss eine Grundfestigkeit sein, ein innerer Schutzschild, der manche Menschen befähigt, das Schlimmste hinter sich zu lassen und nach vorne zu schauen. Gisèle Pelicot ist genau so ein Mensch. Mit fast 70 Jahren beginnt sie nach all dem noch einmal von vorn – und das nicht verbittert, sondern mit einer Zuversicht, die beim Lesen ansteckt.
Fazit
„Eine Hymne an das Leben“ ist ein beklemmendes, manchmal kaum auszuhaltendes Buch. Und doch ist es vor allem eines: ein zutiefst hoffnungsvolles. Gisèle Pelicot erzählt nicht, um zu klagen, nicht um zu schockieren und auch nicht, um sich selbst zur Heldin zu stilisieren. Sie erzählt, weil sie verstehen will. Weil sie ihre Geschichte selbst in die Hand nehmen will, bevor andere es für sie tun. Und weil sie überzeugt ist, dass diese Geschichte etwas verändern kann.
Ich habe das Buch mit einem Kloß im Hals zugeklappt und gleichzeitig mit einem tiefen Respekt vor dieser Frau, deren Mut, Klarheit und Lebenskraft mich noch lange beschäftigen werden. Sterne möchte ich diesem Buch keine geben. Bei einer Lebensgeschichte wie dieser würde sich eine Bewertung einfach falsch anfühlen. Wer sich für diese erschütternde Lebensgeschichte interessiert, für den Mut dieser Frau, für die Frage, wie ein Mensch so etwas überstehen kann, der bekommt von mir eine uneingeschränkte Leseempfehlung.
Das Buch
Eine Hymne an das Leben
von Gisèle Pelicot
- Originaltitel: Et la joie de vivre
- Übersetzung: Judith Perrignon und Patricia Klobusiczky
- Verlag: Piper
- Erschienen: 17. Februar 2026
- Seiten: 256
- ISBN: 978-3-492-07435-3
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