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[Rezension] Der Report der Magd – Margaret Atwood: Zwischen beeindruckend und verstörend

Ein Klassiker, der mich verunsichert, verstört und am Ende begeistert hat. Meine Rezension zu Margaret Atwoods dystopischem Meisterwerk.

Als im Buchclub von Katharina von Scriptophil (Youtube) das Buch des Monats gewählt wurde und die Wahl auf Der Report der Magd fiel, habe ich nicht lange gezögert. Ein Buch, das immer wieder zitiert wird, von dem eine beliebte Verfilmung kursiert – mich hat es schon lange interessiert, warum dieses 1985 erschienene Buch auch heute noch heftig diskutiert und intensiv besprochen wird.

Also habe ich zum Buch gegriffen und wurde überrascht, denn mit dem, was mich erwartete, hatte ich nicht gerechnet.

Ein dystopischer Staat, in dem das Leben von Frauen streng reglementiert wird

Wir steigen ein in den Report einer Frau, die in einem dystopischen Staat lebt, in dem das Leben von Frauen vollständig reglementiert wird. Frauen sind in Klassen eingeteilt und erfüllen vorgeschriebene Funktionen – sie haben keine Wahl, was sie tun dürfen. Die Erzählerin hat die Umwandlung dieses Staates selbst miterlebt und berichtet aus beiden Welten: dem Leben davor und dem Leben danach. Warum es so weit gekommen ist und wie dieser Staat entstanden ist – genau das war meine brennende Frage beim Lesen.

Eine Erzählerin, die mehr weiß als sie verrät

Bis Atwood eine Antwort darauf liefert, stochert der Leser im Nebel herum und bekommt durch Rückblenden der Erzählerin einen Einblick. Und diese gibt ihre Erinnerungen nur häppchenweise preis – sie weiß mehr als wir und wählt sehr bewusst aus, was sie uns wann erzählt. Bei Orwells 1984 zum Beispiel bekommt man die Einordnung früh geliefert; hier muss man die quälende Ungewissheit lange aushalten. Das ist stellenweise unbefriedigend, weil man so viele Fragezeichen im Kopf hat – aber es passt zur Welt, die Atwood beschreibt: einer Welt, in der niemand das ganze Bild sieht.

Wie ein Staat leise kippt

Was mich am meisten beschäftigt hat, ist, wie ambivalent Atwood die Entstehung und das Fortbestehen dieses Staates darstellt. Keine laute Revolution mit einem charismatischen Anführer, keine skandierten Parolen, kein Aufbegehren der Massen. Stattdessen leise Umwälzungen, die die meisten nicht mal richtig mitbekommen, und genau diese Momente des Hinnehmens, des Achselzuckens derer, die es (noch) nicht betrifft, sind die wirklich verstörendsten.

Dabei sind die Erbauer des neuen Staates Menschen, die Latein und die Bibel kennen, die belesen sind und genau wissen, was sie tun. Intelligenz schützt nicht vor Fanatismus und Wahnsinn – das führt Atwood einem schonungslos vor Augen.

Doch der Staat, der leise entsteht, regiert nicht leise. Es gibt genug Szenen offener Brutalität im „Report der Magd“, die einen kalt erwischen und daran erinnern, dass dieser Staat nicht nur Frauen unterdrückt. Auch die Männer wirken in ihren Rollen gefangen, auch wenn wir ihre Perspektive kaum erfahren.

Mit sehr vielen Fragezeichen im Kopf habe ich weitergelesen und häppchenweise meine Antworten bekommen. Aber das Ende hat mich nochmal richtig begeistert, weil es so vieles klar macht, der ganze Kreis sich schließt und auch der Titel seine volle Bedeutung bekommt. Ein wirklich intelligenter Text.

Fazit

Dieses Buch war nicht einfach zu lesen, aber es hat nachhaltig etwas in mir ausgelöst. Es ist kein Buch, das zu jeder Stimmungslage passt, denn die Welt, die Atwood beschreibt, ist schwer auszuhalten und zutiefst verstörend: es eine Welt ohne Grundrechte, voller Gewalt und in der Frauen auf ihre biologische Funktion reduziert werden und alles sich nur darum dreht.

Es ist aber auch ein Buch, das einen nach der letzten Seite nicht loslässt, eins, nach dem das Gehirn weiterarbeitet. Atwood zeigt, wie Unterdrückung funktioniert – und genau das macht dieses Buch so zeitlos und zum Nachdenken anregend. Sehr lesenswert.

⭐⭐⭐⭐ (4 von 5 Sternen)

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